26. August 2009

Wer nicht kommt zur rechten Zeit……

Kategorie: Antike, Sprache — nlohe @ 22:56

Heute etwas aus dem kulturellen Bereich, nichts Kulinarisches und auch nichts Italienisches, aber wie ich finde Interessantes: Hat mich doch ein Artikel aus einem Gesellschaftsmagazin mit dem verheissungsvollen Titel „Glück“ wieder an ein Thema aus der antiken Welt erinnert, das recht faszinierend zeigt, wie Mythologie, Philosophie, bildende Kunst und Sprache zusammenspielen….. ein paar Gedanken zum „rechten Augenblick“,

Wer kennt das nicht, das Warten auf den richtigen Moment? Wer hat noch nicht erlebt, dass es für manche Dinge eine günstige Gelegenheit gibt? Wer hat noch nicht erfahren, dass er auch ganz schnell vorbeigehen kann, dieser richtige Augenblick, dass er unwiderbringlich verloren sein kann, also ganz flüchtig und wertvoll ist……

Die Antike hat diesem „richtigen Augenblick“  Ausdruck gegeben, denn es gab im alten Griechenland eine eigene Gottheit des richtigen Augenblicks. Genannt wurde diese Gotteit: Der Kairos (gr. καιρός), was das griechische Wort für „den rechten Augenblick, das rechte Maß“ ist. Mythologisch wird der Kairos in der Literatur als der jüngste Sohn des Zeus gesehen.

Wie wurde wohl eine solcher Gott abgebildet? Welche Eigenschaften lassen erkennen, dass es sich um einen Gott des richtigen Augenblicks handelt?

Zeigt sich doch im Bild die Philosophie:

Am vorderen Teil des Kopfes, an der Stirn, hängt ihm eine Haarlocke ins Gesicht herunter, während er am Hinterkopf kahlgeschoren ist. Mit den Händen balanciert er auf einem Schermesser eine Waage. An den Fersen hat er Flügel und es sieht aus, als ob er schnell wie der Wind auf Zehenspitzen dahineilt. (Wer sich anschauen möchte, wie die Steinreliefs aussehen, kann  hier nachschauen )

Die Figur spiegelt sich bei uns in der Sprache, kennt doch jeder das Sprichwort: „Die Gelegenheit beim Schopf packen“.

Dieses Sprichwort hat seinen Ursprung in jener Abbildung, in dem Haarschopf bzw. der Glatze des Gottes. Muß man die Gelegenheit doch, wenn sie auf einen zukommt am Schopfe packen, denn wenn sie vorbei ist, dann greift man ins Leere, das heißt eben dem Gott Kairos an den kahl geschorenen Hinterkopf. Noch weiteres verbirgt sich hinter dieser Abbildung: Ist nicht manchmal das Glück etwas unstet, wankt gleich einer Waage und der Ausgang dieser Gelegenheit steht dann  ”auf Messers Schneide”, eben wie der Kairos auf seinem Messer die Waage balanciert.

Schon in der Antike wurde diese Bedeutung des Kairos schriftlich niederlgelegt: In einer Inschrift (siehe in: griechische Anthologie - Anth.Pal. 16,279) beschreibt der griechische Dichter Poseidippos aus dem 3. Jh. v. Chr. 
den Gott Kairos in der Darstellung des Lysippos ganz genau:

Woher ist der Künstler zuhause? 
In Sikyon wohnt er.
Sein Name? Ist
Lysippos.
Du bist? Gott des allmächtigen Moments.
Sag, warum gehst Du auf Zehen? Ich laufe beständig
Weswegen hast Du Flügel am Fuß? Weil ich so flink bin, wie der Wind.
Und Du hälst in der rechten Hand ein Messer? Es kündet den Menschen: nichts in der Weite der Welt schneidet so scharf wie ich selbst.
Und das Haar an der Stirn? Beim Zeus, der Begegnende soll mich schnellstens erhaschen.
Warum bist Du den hinten so kahl? Bin ich mit fliegendem Fuß erst einmal vorbeigegelitten, hält mich so sehr man es wünscht, keiner von hinten mehr fest.
Und warum schuf Dich der Künstler: Für Euch! Und zu Eurer Beleherung stellte er Wandrer, mich auch hier in der Vorhalle auf.

Nun denn, mich hat diese Figur fasziniert: Möge man im rechten Augenblick an eben jene Figur denken und sie rechtzeitig beim Schopfe packen!

Weiteres aus der kulturellen und auch wieder kulinarischen Welt demnächst…..

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